Prognosen für Jörg Kachelmann – Ermittlungserfolge der Polizei Baden-Württemberg

Seit Samstag sitz Jörg Kachelmann nun wegen des Tatvorwurfs der Vergewaltigung in Haft. Jörg Kachelmann, der sympathische Wetterfrosch, der seit 1992 die ARD-Zuschauer mit guten und düsteren Prognosen über das Wetter informiert. Der gleiche Jörg Kachelmann, der vor einigen Monaten die vom Kinderschutzbund durchgeführte Plakatkampagne “Gewalt hinterlässt Spuren” am Potsdamer Platz in Berlin der Öffentlichkeit präsentierte. Damals, im Dezember 2009, sagte Kachelmann über die Kampagne gegen häusliche Gewalt: “Man muss das noch viel lauter und deutlicher sagen und immer wieder”, das Gewalt gegen Kinder eine Schande ist. Nun soll Jörg Kachelmann nach Ansicht der Polizei und eines Amtsrichters in Baden-Württemberg im Februar eine Frau in Schwetzingen vergewaltigt haben, die angibt seine langjährige Ex-Freundin zu sein. Allerdings ist das vermeintliche Opfer der einschlägigen Boulevardpresse gar nicht als langjährige Ex-Freundin von Kachelmann bekannt. Dennoch erging ein Haftbefehl. Angeblich befürchten die Strafverfolgungsbehörden, Kachelmann könne sich aus Sorge um die Höchsstrafe von 15 Jahren der Strafjustiz entziehen. Außerdem habe der schweizer Eidgenosse Kachelmann keinen festen Wohnsitz in Deutschland. Dabei ist Kachelmann nicht vorbestraft, so dass er wohl kaum mit der Höchststrafe rechnen müsste. Das durchschnittliche Strafmaß für Vergewaltigung liegt in Deutschland bei zwei bis vier Jahren.

Bisher hat sich Kachelmann, der sich im Laufe des morgigen Tages zu den Vorwürfen gegenüber Staatsanwaltschaft und Haftrichter äußern möchte, noch gar nicht zum Tatvorwurf eingelassen und der Anfangsverdacht gründet sich bisher allein auf die Aussagen des vermeintlichen Opfers, das angibt, die ehemalige Freundin von Jörg Kachelmann zu sein. Darüber hinaus soll ein gerichtsmedizinisches Gutachten vorliegen. Objektiv betrachtet, kann ein Gerichtsmediziner anhand von DNA-Spuren nur klären, ob es zu Geschlechtsverkehr gekommen ist. Dagegen kann er nicht klären, ob dieser erzwungen gewesen ist oder nicht. Selbst wenn das vermeintliche Tatopfer zum Zeitpunkt der Begutachtung durch einen Gerichtsmediziner Hämatome aufweist, belegt dies nicht, wer diese verursacht hat.

Man sollte wieder das Latinum für Juristen zur Pflicht machen, dann würde der Grundsatz “In dubio pro reo” vielleicht mehr gewürdigt. Von der auch im Grundgesetz verfassungsrechtlich verankerten Unschuldsvermutung hält die Strafjustiz in Baden-Württemberg wohl nicht viel, wenn man einen prominenten und beliebten Angeklagten als Trophäe vorführen kann. Die Polizei in Baden-Württemberg ist für ihre “Ermittlungserfolge”, wo DNA-Spuren eine wesentliche Rolle spielen, berühmt. So jagte die dortige Polizei, darunter die “SoKo Parkplatz” und das Landeskriminalamt, über Jahre das sogenannte “Phantom von Heilbronn”, bis sich die vermeintliche Polizistenmörderin als Oma entpuppte, die in einer fränkischen Fabrik tausende Wattestäbchen für die Spurensicherung der Polizei verpackte. Die Polizei Baden-Württemberg steht auch sonst für vorbildliche Aufklärungsarbeit, so feierte sie ihr desaströses Vorgehen während des Amoklaufs von Winnenden als großen Erfolg. Bekanntlich ging der erste Notruf in Winnenden um 09.33 Uhr ein und Tim K. konnte nach einer Verfolgungsodysee um 12.15 Uhr im rund 100 Kilometer entfernten Wendlingen ungestört zwei weitere Menschen erschiessen. So sehen Erfolge aus.

Von Ermittlern, die womöglich schon jetzt die Höchsstrafe für Kachelmann, der nicht vorbestraft ist, prognostizieren, ist nicht viel zu erwarten. Für Aufklärung werden nun hoffentlich seine Rechtsanwälte, der renommierte Strafverteidiger Rechtsanwalt Dr. Reinhard Birkenstock und Prof. Ralf Höcker, sorgen. Ralf Höcker ist als Autor des Buches “Lexikon der kuriosen Rechtsfälle” und dem Wörterbuch “Anwalt-Deutsch/Deutsch-Anwalt” sowie Moderator der Fernsehsendung “Einspruch! Die Show der Rechtsirrtümer”, in der er mit Andrea Kiewel bei RTL satirereife Gerichtsfälle präsentiert, schon voll in der Materie.

(c) 2010 by Anatol Wiecki

Kommentieren ist momentan nicht möglich.


weiter...