Oskar Lafontaine-Doubles können nicht rechnen

Spätestens seit einer der Kaczyński-Brüder zum Brüsseler EU-Gipfel extra in Begleitung einer Gruppe von Mathematikern des Warschauer Büros für Europäische Integration anreiste, war vielen klar, dass zumindest einer der beiden Zwillingsbrüder nicht ohne fremde Hilfe so gut wie Adam Riese rechnen kann. Seit Wochen muss sich Europa zum Streit um die Stimmrechte im EU-Ministerrat dümmlich-pathetische Sprüche („für die Quadratwurzel zu sterben“) anhören. Hintergrund der Suiziddrohung aus Polen ist das neue Abstimmungssystem der EU, gegen das sich Warschau mit zögernder Unterstützung Prags vehement wehrt. Die deutsche Ratspräsidentschaft unter Angela Merkel will die neue Stimmenverteilung gemeinsam mit weiteren Reformen auf dem EU-Gipfel beschließen. Die Zwillingsbrüder wollen die Stimmen der Einzelstaaten künftig nach der Quadratwurzel aus der Bevölkerungszahl berechnen lassen.

Guter Bruder, schlechter Bruder, diese Rollenverteilung konnte man vielleicht schon in dem Film “O dwóch takich, co ukradli ksieżyc” (deutsch: “Über zwei, die den Mond gestohlen haben”) erahnen, wo die beiden Draufgänger sich schon 1962 gemeinsam in Hauptrollen den Polen präsentierten. Der eine poltert, der andere sammelt die Scherben auf. Oder vielleicht gibt es nur einen. Denn rein äußerlich unterscheiden sie sich nicht und würden glatt in Personalunion als polnisches Double des Populisten Oskar Lafontaine durchgehen. Schließlich kreuzen beide auch fast nie gemeinsam auf Terminen auf. Lech Kaczyński mimt dem Versöhnlichen, während sein Bruder Jarosław in die Offensive geht. Besonders liebe Worte findet der Katzenliebhaber Jarosław Kaczyński, der noch bei seiner Mutti im nördlichen Warschauer Bezirk Żoliborz wohnt, über Deutschland: “Von Deutschland kenne ich die Toilette auf dem Frankfurter Flughafen und das reicht wohl”. Im Wahlkampf vor zwei Jahren forderte er als Spitzenkandidat der Partei “Recht und Gerechtigkeit” (PiS) abwechselnd die Todesstrafe, Reparationen von Deutschland und Berufsverbote für schwule Lehrer. Die beiden Zwillingsbrüder unterscheiden sich nur durch ihre Muttermale. Als Warschauer Bürgermeister hat Lech Kaczyński CSD-Demonstrationen verboten. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat später festgestellt, dass die durch den heutigen polnischen Präsidenten seinerzeit erlassenen Versammlungsverbote rechtswidrig waren.

“Hätte Polen nicht die Jahre 1939 bis 1945 durchgemacht, wäre es heute ein Staat mit einer Bevölkerung von 66 Millionen, wenn man sich auf demographische Kriterien beruft”, mit diesem echten Kaczyński-Argument will der polnische Premierminister weiterhin für die zwillingsbrüderliche “Quadratwurzel” im Kampf um mehr Stimmrechte für Polen innerhalb der Europäischen Union tapfer in die Schlacht ziehen. Nur was der polnische Regierungschef, der noch bei Mutti lebt, dabei verkennt: Ohne den Zweiten Weltkrieg würde Polen heute noch nicht einmal knapp 39 Millionen Einwohner haben. Denn erst infolge des deutschen Angriffskriegs auf das damals noch kleine Polen kamen nach 1945 viele deutsche Gebiete wie Schlesien, Pommern und große Teile Preußens zu Polen. Und ohne die ursprünglich deutsche Bevölkerung der früheren deutschen Gebiete, wäre die Population in Polen noch wesentlich geringer. Die Kaczyński-Brüder sollten sich wohl besser immer von Rechengenies beraten lassen. Bevor die beiden Polit-Selbtsmordattentäter ”für die Quadratwurzel sterben” und nun auch die Zukunft für ein gemeinsames Europa stehlen, sollten man die beiden besser zum Mond schiessen. Den haben sie schließlich schon vor mehr als 45 Jahren gestohlen.

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