Möllemann-Video von ‘BILD’ aus Mottenkiste geholt

“Ein Amateurvideo beendet alle Spekulationen” um den Tod des früheren FDP-Politikers Jürgen W. Möllemann, meldete die ‚BILD’-Zeitung: “Möllemanns Todessprung war Selbstmord”. Zahlreiche renommierte Medien sprangen auf den Zug auf, “Video belegt Freitod-Theorie”, titelte darauf sogar die ‚Süddeutsche Zeitung’. Das Video, was auf der Titelseite in ‚BILD’, vier Jahre nach dem Tod des einstmaligen FDP-Rebellen so plötzlich auftauchte, wurde bereits im Juni 2003 von der Staatsanwaltschaft Essen beschlagnahmt. Oberstaatsanwalt Wolfgang Reinicke hatte sich damals jede Szene des von einem Fallschirmkameraden aufgenommenen Videofilms minutiös angeschaut. Auch die Auswertung des Videodokuments, ergab nicht, ob Jürgen W. Möllemann Suizid begangen hat oder ob es sich bei dem tragischen Vorfall, um einen Unfall handelte. Die Anklagebehörde schloss damals wie heute einzig allein ein Fremdverschulden aus: “Für uns ergeben sich daraus keine neuen Erkenntnisse. Man kann nicht ausschließen, dass es Selbstmord war, man kann es aber auch nicht sicher sagen”, so heute ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Essen. Die ‚BILD’-Zeitung will die Senderechte für das Video, welches sie fröhlich unter BILD.de präsentiert, rechtmäßig erworben haben: “Unsere Quelle hat uns vertraglich zugesichert, dass die Rechte an besagtem Video bei ihr liegen und sie darüber verfügen kann”. Indes erklärte Dave Littlewood, der am 05. Juni 2003 den Fallschirmsprung, wo der Politiker ums Leben kam, mit einer Kamera im freien Fall filmte: “Ich habe dieses Video nicht freigegeben und habe niemandem die Erlaubnis zur Veröffentlichung gegeben”. Littlewood erwägt angeblich rechtliche Schritte gegen den Axel Springer Verlag. Trotzdem ist der eine Minute und 24 Sekunden lange Beitrag weiterhin unter BILD.de zu sehen. Dies kann nur eins bedeuten: Entweder ‘BILD’ verletzt das Urheberrechtsgesetz oder Dave Littlewood, bei dem nach eigenen Angaben die Rechte an dem Film liegen, hat sich für eine ordentliche Summe umstimmen lassen und möchte es bloß nicht zugeben. Denn wie würde der passionierte Fallschirmspringer Littlewood in seinem Fallschirmclub Münster, wo sie sich alle “Kameraden” nennen, aussehen? Nur wenige Leute möchten sich gern als Kameradenschwein outen.

“Riesenstaatsmann Mümmelmann”, wie der FDP-Politiker einmal von Franz-Josef Strauß spöttisch bezeichnet wurde, verstand es lange Zeit die Medien für sich zu gewinnen. Allerdings polarisierte er sehr, weswegen er sich den Zorn vieler Politiker, auch aus den eigenen Reihen, zuzog. Dennoch gelang es ihm immer wieder, seine Partei aus einem tiefen Tal herauszuholen. Im Jahre 2000 dominierte in Möllemanns Leben die Zahl “8″. Statt nur 8%, erreichte die FDP in Nordrhein-Westfalen unter Vorsitz des Fallschirmspringers Jürgen W. Möllemann bei der dortigen Landtagswahl ein für liberale Verhältnisse traumhaftes Ergebnis von 9,8% und zog damit nach fünfjähriger Parlamentsabstinenz wieder in den Düsseldorfer Landtag ein. Nun strebte der 1993 über die Briefbogen-Affäre gestolperte ehemalige deutsche Vizekanzler mit Hilfe des von seinem Strategieberater, Dr. Fritz Goergen, konzipierten ‚Projekt 18’ nach Höherem. Der 68 Tage nach Ende des Zweiten Weltkriegs geborene Politiker wollte nach der Bundestagswahl 2002 Bundeskanzler werden. Doch daraus wurde nichts. Stattdessen nominierte der FDP-Bundesparteitag 2002 Guido Westerwelle zu ihren ersten “Kanzlerkandidaten” in der Geschichte der Partei. Der “typische Medien-Gag”, so der Kommentar des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder (SPD) zur Nominierung eines eigenen Kanzlerkandidaten, war eine Mischung aus Spaßwahlkampf und populistischen Parolen. Während Westerwelle im Guidomobil durch Deutschland fuhr, äußerte sich Möllemann – der bis zu seinem Tode auch Präsident der Deutsch-Arabischen Gesellschaft war – in eine Richtung, die ihm den Vorwurf des Antisemitismus einhandelte. Zwei Tage vor der Bundestagswahl 2002 wurde ein Spendenkonto eröffnet, um ein zu diesem Zeitpunkt bereits gedrucktes später umstrittenes Flugblatt zu finanzieren. Auf dieses Konto hätten angeblich 150 Spender Beträge von insgesamt 200000 Euro einbezahlt. Später kam heraus, dass der Flyer, mit dem die israelische Regierung unter Scharon und Michel Friedman, Vizepräsident des Zentralrats der Juden, kritisiert worden, ausschließlich mit privaten Mitteln von Jürgen W. Möllemann finanziert worden war. Da der Landeschef der NRW-FDP selbst offenbar nicht als Finanzier erwähnt werden wollte, bediente man sich einfach mit 150 Namen aus dem Telefonbuch. Denn nach dem Parteiengesetz müssen Spender von kleineren Summen nicht namentlich veröffentlicht werden. Erst nach dem Wahldebakel der Liberalen distanzierte sich Guido Westerwelle massiv gegenüber der Öffentlichkeit von dem Flugblatt.

Der “Retter der FDP” wurde nun zum Gejagten. Möllemann war nun nicht nur dem politischen Feuer ausgesetzt, sondern mehrere Staatsanwaltschaften ermittelten gegen ihn. In Münster wegen Steuerhinterziehung. In Düsseldorf wegen Verstoßes gegen das Parteiengesetz, Betrug und Untreue. Den Deal, die Sache mit einem Strafbefehl enden zu lassen, lehnte das “Steh-auf-Männchen” Möllemann ab. Um mögliches Beweismaterial sichern zu können, ging am 04. Juni 2003 ein Antrag auf Genehmigung zum Vollzug gerichtlicher Durchsuchungs- und Beschlagnahmebeschlüsse gegen den mittlerweile fraktionslosen Bundestagsabgeordneten beim Ausschuss für Wahlprüfung, Immunität und Geschäftsordnung des Deutschen Bundestags ein. Schon am nächsten Tag hob der Deutsche Bundestag die parlamentarische Immunität von Jürgen W. Möllemann auf. Als die ersten Kriminalbeamten am Haus von Jürgen W. Möllemann auftauchten, wussten die dort wartenden Reporter schon, Jürgen W. Möllemann ist in Marl-Loemühle mit seinem blau-gelben Fallschirm tief gefallen. Obgleich der einstige FDP-Politiker nach 33-jähriger Mitgliedschaft nur durch einen Austritt einem Parteiausschluss-Verfahren zuvorkommen konnte, forderte die FDP-Parteispitze nach seinem Tod plötzlich ein Staatsbegräbnis.

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